Factoring – auch für kleine und mittlere Unternehmen?

Mit dem Thema Liquidität und damit auch Factoring müssen sich immer mehr kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU) auseinandersetzen. Was Factoring eigentlich ist und welche Möglichkeiten sich beim Factoring bieten, wird erklärt.

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Factoring – auch für kleine und mittlere Unternehmen?

Liquidität ist für alle Unternehmen essentiell – Factoring ist auch für KMU interessant.

1. Was ist Factoring?

Factoring ist eine Finanzdienstleistung, die der kurzfristigen Umsatzfinanzierung dient. Dabei erwirbt der Factor die Forderungen seines Factoring-Kunden gegen dessen Abnehmer oder auch Debitor genannt. Als Gegenleistung für die Abtretung der Forderung zahlt der Factor an den Factoring-Kunden umgehend den Forderungskaufpreis.
Dieser Kaufpreis entspricht dem Betrag der – tatsächlich bestehenden – Forderung abzüglich eines Diskonts für die Leistungen (Finanzierung, Delkredere, Debitorenmanagement) des Factors. Einen Teil des Kaufpreises behält der Factor zur Absicherung des Bestandsrisikos bis zur endgültigen Zahlung durch den Debitor auf einem Sperrkonto ein.

2. Was sind die Funktionen des Factoring?

Factoring hat kurz ausgedrückt drei grundlegende Funktionen:

Bei der Dienstleistungsfunktion erbringt der Factor eine Beratungsleistung. Er erstellt die Debitorenbuchhaltung einschließlich des Mahnwesens und übernimmt den Inkassodienst.

Der Einfluss auf die Liquidität ergibt sich durch die sofortige Zahlung der Rechnungsbeträge durch den Factor. Vorab prüft der Factor bis zu welcher Größenordnung er Forderungen gegenüber einzelnen Kunden des Debitoren erwerben kann. Der Factoringkunde lässt mit der gewonnenen Liquidität in der Regel seine kurzfristigen Verbindlichkeiten weitgehend ab. Ebenso kann die Skontierfähigkeit gegenüber Lieferanten erhalten oder wiederhergestellt werden. Die Verbesserung der Bilanzkennzahlen und damit ein besseres Rating durch die Banken ist ein weiterer positiver Nebeneffekt.

Durch die Delkrederefunktion ist man vor Kreditausfällen weitestgehend geschützt. Außerdem erhält man im Vorfeld der Auftragsanbahnung mit Neukunden bereits eine Bonitätsauskunft durch den Factor.

3. Welche Factoring-Formen gibt es?

Es gibt eine Vielzahl von Factoring-Varianten. Die gängisten Modelle am Markt möchte ich kurz vorstellen:

  • Echtes und unechtes Factoring: Übernimmt der Factor das Ausfallrisiko, so handelt es sich um echtes Factoring. Ist kein Delkredereschutz vereinbart, so spricht man von einem unechten Factoring.
  • Fälligkeitsfactoring: In diesem Fall sichert der Factor die Forderungsausfälle ab und er übernimmt zusätzlich die Debitorenbuchhaltung. Das Unternehmen verzichtet aber auf die Vorfinanzierung des Umsatzes.
  • Full-Service-Factoring: Neben der Absicherung der Forderungsausfälle kümmert sich die Factoringgesellschaft um die Debitorenbuchhaltung, das Mahnwesen und das Inkasso des Unternehmens.
  • Inhouse- oder Bulk Factoring: Der Kunde nutzt die Finanzierung und die Risikoabsicherung durch den Factor. Die Debitorenbuchhaltung und das Mahnwesen wickelt er weiterhin selbst ab.
  • Offenes und stilles Factoring: Offenes und stilles Factoring unterscheiden sich dadurch, dass bei der offenen Variante das Unternehmen seine Kunden über die Abtretung informiert, während beim stillen Factoring der Debitor nichts davon erfährt.
  • Reverse-Factoring: Hierbei handelt es sich um das umgekehrte Factoring-Verfahren, bei dem Unternehmer gegenüber ihren Lieferanten die langen Zahlungsziele nutzen. Die Factoringgesellschaft überweist sofort nach Erstellung der Rechnung den entsprechenden Betrag an den Lieferanten.
  • Smart-Service-Factoring: Diese Art des Factoring entspricht in etwa dem Full-Service-Factoring. Das Mahnwesen verbleibt allerdings, treuhänderisch für den Factor, beim Unternehmer.
  • Ultimo-Factoring: Diese Factoringart ist ein Forderungsverkauf über einen kurzen Zeitraum und um einen Verkauf zu einem bestimmten Zeitpunkt, zum Beispiel über den Bilanzstichtag oder über das Quartalsende um die Bilanzstrukturen zu optimieren.

Die Vielfalt der Modelle zeigt, dass heute für fast jeden Betrieb ein maßgeschneidertes Factoring möglich ist.

4. Ab welcher Betriebsgröße ist Factoring möglich?

Auch die Unternehmensgröße spielt heute kaum noch eine Rolle. Viele Anbieter achten zwar immer noch auf eine gewisse Mindestumsatzgröße um den Prüfungsaufwand zu begrenzen. Die Umsatzmindestgrößen sind aber mittlerweile auf unter eine Million Euro Jahresumsatz gesunken.

Für die Konditionen spielen die Unternehmensgröße und die Qualität des Forderungsbestandes hingegen eine wichtige Rolle.

5. Was kostet und was nützt Factoring?

Mittelständische Betriebe mit guter Bonität können die Vorfinanzierung um bis zu zwei bis drei Prozentpunkte günstiger als bei der Hausbank erhalten. Derzeit sind Zinssätze zwischen 6,5% bis 7,5% bei Factoringgesellschaften durchaus üblich.

Beim Entgelt für den Service des Factors, die Absicherung gegen Forderungsausfälle, die Übernahme der Debitorenbuchhaltung, das Mahnwesen und das Inkasso gibt es allerdings erhebliche Unterschiede.

Hier verlangen die Anbieter eine Factoringgebühr zwischen 0,1% und 4,0% des angekauften Forderungsvolumens. Wegen dieser grossen Unterschiede lohnt sich natürlich ein Vergleich der verschiedenen Angebote. Neue Wettbewerber drücken aber derzeit die Preise.

Außerdem sollte man die modernsten Instrumente, wie die elektronische Übertragung der Ausgangsrechnungsdaten an den Factor, zur raschen Abwicklung nutzen. Dadurch erreicht man, dass die Rechnungen praktisch innerhalb von drei Tagen bezahlt sind.

Man kann dadurch selbst schneller zahlen, Skonto in Anspruch nehmen und die Kontokorrentlinie bei der Bank zurückführen und gegebenenfalls sogar Bankkredite tilgen. Ein schöner Nebeneffekt ist die Verbesserung des Rating durch den geringen Forderungsbestand.

Häufig können stark wachsende Unternehmen auch nur so ihr Wachstum finanzieren.

Fazit

Der Forderungsverkauf ist immer mehr auch bei mittelständischen Unternehmen der Kassenfüller. Durch den Verkauf der Forderungen verschaffen sich die Betriebe die notwendige Liquidität, die ihnen immer häufiger von den Banken verwehrt wird.

Factoring ist mittlerweile im Mittelstand angekommen. Es wird als Finanzierungsalternative akzeptiert und genutzt. Trotzdem steckt Factoring in Deutschland noch in den Kinderschuhen. In Deutschland liegt die Factoringquote erst bei rund drei Prozent, während sie in den angelsächsischen Ländern bei weit über 10 Prozent liegt.

Der Forderungsverkauf ist kein Zeichen mehr für kränkelnde Unternehmen, sondern im Gegenteil lässt sich feststellen, dass die Betriebe, die Factoring nutzen meist wirtschaftlich gesund sind. Die Factoring-Institute prüfen genau wen sie finanzieren, um nicht selbst auf hohen Außenständen sitzen zu bleiben.

Jeder Betrieb mit einem Jahresumsatz ab 1 Million Euro sollte sich mit dem Thema Factoring auseinandersetzen und gegebenenfalls das für sein Unternehmen geeignete Factoring suchen.

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Hubert Gernoth — Steuerberatung Gernoth
Diplom-Finanzwirt (FH), Steuerberater, vereid. Buchprüfer, Landwirtschaftliche Buchstelle

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